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Anders Essen gegen die Klimakrise – Teil 4: Lebensmittelverschwendung

Spiegeleier auf Toastbrot, Paprikaschoten und Reibekuchen auf einem Gasgrill
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Ein Drittel in die Tonne

Wer sich, seinem Geldbeutel und der Umwelt etwas Gutes tun will sollte vor allem nur so viel einkaufen, wie er oder sie wirklich braucht. Jede Sekunde (!) landen in Deutschland 313 Kilo genießbare Lebensmittel im Müll. Das entspricht dem Gewicht eines halben Kleinwagens. Pro Jahr und Einwohner sind das 81,6 Kilo im Wert von rund 235 Euro. Die Menge summiert sich in Deutschland auf zwölf (Angabe der Verbraucherzentralen) bis 18 Millionen (Schätzung des WWF Worldwide Fund for Nature) Tonnen Lebensmittel im Wert von 20 Milliarden Euro. Um diese Menge zu transportieren bräuchte man nach einer Berechnung der Verbraucherzentralen 480.000 Sattelschlepper. In eine Reihe gestellt, ergibt das die Strecke von Lissabon nach St. Petersburg. Ähnlich hoch sind die Zahlen in Österreich.

Hungrig einkaufen ist wie betrunken flirten

Nach Angaben des deutschen Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft BMEL wären zwei Drittel dieser Lebensmittelabfälle „vermeidbar“. Gründe für diesen Irrsinn gibt es viele: Bauern werfen einen Teil ihrer Ernte weg, weil der Handel mit seinen Normen keine zu krummen Möhren, zu kleinen Kartoffeln und alles mögliche andere nicht abnimmt. Händler und Großhändler sortieren abgelaufene Ware aus, Verarbeiter ebenso. Doch den meisten Lebensmittelmüll produzieren nach Angaben des Ministeriums die Verbraucherïnnen: 52% der Gesamtmenge. In Kantinen, Restaurants und bei Lieferdiensten (Außer-Haus-Verpflegung), sind es 14%, im Handel vier Prozent in in der Verarbeitung rund 18% in der Landwirtschaft je nach Schätzung ebenfalls rund 14%. 

Das meiste Essen werfen Privathaushalte weg, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist.  Das BMEL rät wie die Verbraucherzentralen, das abgelaufene Essen trotzdem zu probieren. Riecht und schmeckt es gut, kann man es verzehren. Ausnahme: Fleisch und Fisch. 

Reste nutzen

Weggeworfen wird am häufigsten Obst und Gemüse. Dabei kann man von einem Apfel oder einer Tomate die schlechte Stelle großzügig abschneiden und den Rest noch gut verwerten. Brot hält sich länger ungeschnitten in einem Brottopf aus Ton und lässt sich, wenn es trocken geworden ist, zu Paniermehl verarbeiten. Vollkornbrot ist gesünder als Grau- oder Weißbrot und bleibt deutlich länger frisch. Vieles kann man auch einfrieren, bevor es schlecht wird. 

Entscheidend ist jedoch, nicht zu viel einzukaufen. „Hungrig einkaufen ist wie betrunken flirten“, heißt es auf einer Postkarte. Wer satt in den Supermarkt geht, kauft weniger und vor allem weniger ungeplant. Hier hilft auch ein Einkaufszettel, den man im Laden abarbeitet. Was nicht auf der Liste steht, bleibt im Regal.

Zu gut für die Tonne

Mit Kampagnen wie „Zu gut für die Tonne“ will nun auch das BMEL die Lebensmittelverschwendung eindämmen. Viele Initiativen widmen sich dem Thema, zum Beispiel die foodsaver und foodsharer , die in zahlreichen Städten übrige Lebensmittel einsammeln und an Bedürftige verteilen. Auf Schnibbelparties und in „Volxküchen“ kochen offene Gruppen gemeinsam. Die Transition-Town-Netzwerke  bieten neben Repair-Cafés zum gemeinsamen Reparieren defekter Geräte und Fahrrad-Selbsthilfe-Werkstätten auch Kochtreffs an. Restlos-Läden verkaufen günstig Lebensmittel, die die Supermärkte ausrangiert haben. Tipps zur Verwertung vermeintlicher Essensreste finden sich auf zahlreichen Internetseiten. So lässt sich zum Beispiel das Grünzeug von Möhren mit wenig Aufwand zu leckerem Pesto verarbeiten. 

Containern statt Einkaufen

Restaurants, Imbisse, Läden, Markthändlerïnnen und andere verkaufen kurz vor Feierabend ihre Reste oft deutlich günstiger. Fragen lohnt sich. Apps wie togoodtogo.de helfen bei der Suche. Vor allem in Großstädten ernähren sich manche Menschen auch von dem, was andere weggeworfen haben. Sie gehen „containern“ , holen also weggeworfene Lebensmittelpackungen aus den Müllcontainern der Supermärkte. Erwischen lassen sollte man sich dabei nicht. 2020 verurteilte ein Gericht zwei Studentinnen aus dem Münchner Umland wegen Diebstahls, weil sie Essen aus dem Müll einer Supermarktfiliale gerettet hatten. Trotz zahlreicher Petitionen für die Legalisierung des Containerns hat der Gesetzgeber den Diebstahlsparagraphen 242 Strafgesetzbuch immer noch nicht entsprechend geändert.

Auch an anderer Stelle befördern Politik und Gesetzgebung die Lebensmittelverschwendung. Während zum Beispiel in Frankreich Supermärkte übrig gebliebene Ware an gemeinnützige Organisation spenden müssen, haften in Deutschland Tafeln oder Foodsaver für die Qualität ihrer verteilten Lebensmittel. Abgelaufenes dürfen sie deshalb nicht verschenken. Auch zahlreiche Hygienevorschriften behindern die Lebensmittelretter. Da wirkt das Engagement der Bundeslandwirtschaftsministerin gegen die Lebensmittelverschwendung wenig glaubwürdig.

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Geschrieben von Robert B. Fishman

freier Autor, Journalist, Reporter (Radio und Printmedien), Fotograf, Workshop-Trainer, Moderator und Reiseleiter

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